Warum ein 48‑Stunden‑Mini‑Residency?
Ich mag das Zusammenspiel von Begrenzung und Intensität. In 48 Stunden entstehen oft Räume, in denen unmittelbare Entscheidungen, klarer Austausch und eine Art kreativer Druck zu überraschenden Ergebnissen führen. Auf kleinem Budget bedeutet das: weniger Perfektion, mehr Nähe. In diesem Text beschreibe ich, wie ich so ein kollaboratives Kurz‑Residency‑Format konzipiere — praktisch, sparsam und offen für experimentelle Bild‑ und Klangarbeit.
Ziele und Rahmen setzen
Bevor ich irgendetwas organisiere, definiere ich drei zentrale Ziele für die Residency. Das hilft bei der Auswahl der Teilnehmenden, bei der Raumplanung und bei der späteren Dokumentation. Meine typischen Ziele sind:
- Experiment: Möglichst viele Ideen ausprobieren, ohne auf fertige Werke zu bestehen.
- Dialog: Austausch zwischen Bildenden, Soundkünstler*innen und Performer*innen fördern.
- Präsentation: Am Ende eine kleine hörbare/visuelle Verdichtung zeigen — ein Shared Listening, eine Wandprojektion oder ein offenes Studio.
Diese Ziele kommuniziere ich klar im Call — so wissen Bewerber*innen von vornherein, was sie erwarten können.
Call, Auswahl und Teamgröße
Für 48 Stunden sind 3–6 Personen ein gutes Verhältnis. Mehr Menschen schaffen zwar Dynamik, aber auch logistische Reibung. Weniger Teilnehmende ermöglichen tiefere Kooperation. Ich formuliere den Call so, dass er kurz und präzise ist: Thema, technische Rahmenbedingungen, Ort, Zeit, was gestellt wird (z. B. Aufnahmegerät, Projektor), und was erwartet wird (z. B. kurze Präsentation am Sonntagabend).
Bei der Auswahl achte ich auf komplementäre Profile: eine Person mit Feldaufnahme‑Erfahrung, eine visuelle*r Künstler*in (Fotografie oder Video), jemand, der mit Echtzeit‑Sound arbeitet (Modular, Laptop, instrumentale Texturen) und eventuell eine Person, die Performance oder Text einbringt. Diversität in Arbeitsweisen ist wichtiger als einheitlicher Stil.
Raum, Zeitplan und Infrastruktur
Ich bevorzuge Räume, die Multipotenzial haben: ein Atelier mit fensterlicher Belichtung, eine kleine Galerie oder ein leerstehender Laden mit neutralen Wänden und Stromanschlüssen. Ideal ist ein Ort mit:
- guter WLAN/Netzabdeckung (nicht immer nötig, aber hilfreich),
- ein paar stabilen Tischen und Stühlen,
- einer Möglichkeit für Projektion (weiße Wand oder Leinwand),
- einem ruhigen Zimmer für Mikrofonaufnahmen oder Isolation.
Zeitplan (Beispiel):
- Tag 1 Nachmittag: Ankommen, Kurzvorstellungen, Material‑ und Equipment‑Check.
- Tag 1 Abend: Erste Klang‑/Bild‑Sprints (2×90 Minuten), gemeinsames Essen.
- Tag 2 Vormittag: Deep Work Sessions, Micro‑Crits, Umwandlung von Material.
- Tag 2 Nachmittag: Aufbau für Präsentation, Soundcheck, Projektionen.
- Tag 2 Abend: Offenes Studio / Listening Session / kleine Performance.
Ich plane Pausen bewusst ein — auch kreative Arbeit braucht Atemräume.
Minimalistisches Equipment — was wirklich zählt
Auf kleinem Budget hebe ich hervor: kreative Nutzung ist wichtiger als teures Gear. Trotzdem erleichtern einige robuste Geräte das Arbeiten:
- Field Recorder (z. B. Zoom H4n/H6): vielseitig, funktioniert auch als Interface.
- Ein bis zwei gute Kondensatormikrofone (z. B. Rode NT1‑A oder günstige XLR‑Mics) plus ein Paar Klinkenkabel.
- Kopfhörer (geschlossene, z. B. Audio‑Technica ATH‑M50x) für Monitoring.
- Mini‑PA oder aktive Lautsprecher (2×) für die Präsentation.
- Projektor oder guter Fernseher für Bildarbeit.
- Adapter, Mehrfachsteckdosen, Verlängerungen.
Für Software nutze ich oft kostenlose oder günstige Tools: Audacity für einfache Schnitte, Reaper (günstige Lizenz) für mehr Kontrolle, Pure Data oder VCV Rack für modularartige Experimente. Für Bildbearbeitung reichen oft GIMP oder die kostenlose Lightroom‑Alternative Darktable – alles möglich auf geborgten Laptops.
Budget‑Tricks
So halte ich die Kosten niedrig:
- Kooperation mit lokalen Kulturinitiativen: Verlegung in ein Atelier in Nachbarschaftszentren oder in Räumen von Kunsthochschulen.
- Equipment teilen: Ich frage in meinem Netzwerk, ob jemand ein Interface, Mikro oder Projektor ausleihen kann.
- Foodsharing: Gemeinsames Kochen statt Catering. Ein kleiner Lebensmittelzuschuss (15–20 € pro Person) ist oft ausreichend.
- Kleinstipendien statt Honorar: Bei begrenztem Budget biete ich Fahrtkostenerstattung + Verpflegung + documentiertes Ergebnis (Audio/Foto) als Gegenleistung.
Methoden für Zusammenarbeit
Ich setze auf kurze, strukturierte Formate, damit heterogene Arbeitsweisen zusammenfinden:
- 10x10 Sprints: Zehn Minuten fokussierte Arbeit, danach fünf Minuten Austausch — wiederholt.
- Prompt‑Box: Ich lege Zettel mit experimentellen Aufgaben aus (z. B. "Nimm 1 Minute Texturen mit einer Tasse", "Erzeuge ein Bild nur mit Reflektionen").
- Exquisite Corpse für Sound und Bild: Jede*r bearbeitet kurz das, was die vorherige Person gemacht hat.
- Live‑Collage: Bildmaterial wird projiziert, Klangschichten werden live darübergelegt, sodass sich Bild und Klang wechselseitig beeinflussen.
Diese Methoden erlauben sowohl autonome Arbeit als auch echtes Zusammenwachsen der Ideen in kurzer Zeit.
Dokumentation und Rechte
Ich mache von Anfang an klare Absprachen zur Nutzung und Veröffentlichung der entstandenen Arbeiten. Ein kurzes Textdokument, das alle unterschreiben, kann genügen: wer darf das Material nutzen, wer bekommt welche Rechte, wie lange ist die Nutzung gestattet. Ich bevorzuge Creative‑Commons‑Lizenzen mit Namensnennung (z. B. CC BY‑NC), wenn keine Verkäufe geplant sind.
Für die Dokumentation nutze ich einfache Mittel: Audiomitschnitte, kurze Videoaufnahmen mit dem Smartphone, fotografische Arbeitsdokumente und ein gemeinsames Notizdokument (z. B. Google Docs oder Etherpad), in dem Ideen und Prozessnotizen gesammelt werden.
Präsentation — niedrigschwellig und wirkungsvoll
Die Abschlusspräsentation soll offen und anregend sein, nicht perfekt. Formate, die sich bewährt haben:
- Eine 30‑45 minütige Listening Session mit anschließender Diskussion.
- Eine simultane Projektion mit Live‑Sound, die mehrfach durchlaufen wird.
- Ein offenes Studio: Besucher*innen können kommentieren, spielen, eigene Fragen stellen.
Ich achte darauf, dass technische Pannen nicht die Stimmung kaputtmachen: einfache Setups, redundante Wiedergabeoptionen (Laptop + USB‑Stick), und eine klare Moderation, die den Kontext erklärt und die Arbeit der Teilnehmenden würdigt.
Evaluation und Follow‑Up
Direkt nach der Residency bitte ich die Teilnehmer*innen um kurze Feedback‑Bögen: Was hat funktioniert? Was würde man ändern? Daraus entstehen oft Ideen für nächste Editionen oder Kooperationen. Ich teile außerdem eine kleine Medienmappe (WAV‑Clips, JPEGs, Worknotes) über einen Cloud‑Link und verweise auf die Website https://www.nebl-nebl.de, wo ich eine Projektseite mit Soundbeispielen und Bildern anlege.
Praktische Tipps aus meiner Erfahrung
- Sei großzügig mit Pausen und Essen — gemeinsame Mahlzeiten fördern Austausch.
- Teste Technik am Vormittag des ersten Tages: Zeit für Troubleshooting ist Gold wert.
- Habe einen "Fallback‑Plan" für die Präsentation (z. B. ein Audio‑Set, das ohne Live‑Mischung läuft).
- Ermutige Imperfektion: Manches beginnt erst im Rauschen.
- Dokumentiere prozesshaft, nicht nur das Ergebnis — oft entstehen später aus kleinen Skizzen größere Arbeiten.
Ein 48‑Stunden‑Mini‑Residency kann sehr viel bewirken: schnelles Prototyping, unerwartete Begegnungen und Material, das später zu eigenständigen Projekten wächst. Auf Nebl Nebl ist für mich wichtig, dass solche Formate Raum für Synästhesie schaffen — hier treffen Bilder auf Klänge und erzeugen Atmosphären, die bleiben.