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Wie organisiere ich ein kollaboratives klangpoesie-projekt mit nachbar*innen, dichter*innen und musikern

Wie organisiere ich ein kollaboratives klangpoesie-projekt mit nachbar*innen, dichter*innen und musikern

Kollaborative Projekte sind für mich immer eine Art Kompass: Sie zeigen, wo die eigenen Ideen vibrieren und wo sie auf andere klangliche und poetische Felder treffen. Wenn ich ein klangpoetisches Projekt mit Nachbar*innen, Dichter*innen und Musiker*innen organisiere, beginne ich nicht mit großen Plänen, sondern mit einer Einladung — einem Raum, einer Stimmung und einem Provisorium, das wachsen darf.

Idee und Intention klären

Bevor ich Einladungen verschicke, frage ich mich: Was möchte ich erforschen? Geht es um das Zusammenführen von Stimmen und Alltagsgeräuschen, um Feldaufnahmen aus dem Wohnviertel, um performative Lesungen, die in Klanglandschaften eingebettet sind? Eine klare Intention hilft bei der Ansprache potentieller Mitwirkender und bei der Wahl des Formats.

Ich formuliere oft einen kurzen Impulstext (1–2 Absätze), der die Atmosphäre beschreibt und mögliche Rollen skizziert: „Wir sammeln alltägliche Geräusche des Viertels, verbinden sie mit gesprochenen Texten und entwickeln daraus abendliche Micro-Performances im Gemeinschaftsraum.“ Diese prägnante Beschreibung ist hilfreich, wenn man Nachbar*innen anspricht oder Aushänge macht.

Wer einladen — und wie?

  • Nachbar*innen: Ich nutze analoge Wege (Aushang im Treppenhaus, Flyer im Briefkasten) und digitale: lokale Facebook-Gruppen, Nextdoor oder das Stadtteilforum. Persönliche Ansprachen funktionieren am besten — ein kurzes Gespräch reicht oft, um Neugier zu wecken.
  • Dichter*innen und Spoken-Word-Künstler*innen: Ich frage via E‑Mail, Social Media oder direkt nach Auftritten. Nennung eines kleinen Honorarbudgets, auch wenn es symbolisch ist, erhöht die Motivation. Alternativ biete ich Austauschleistungen an (Tonaufnahmen für Texte, Publikation auf dem Blog).
  • Musiker*innen und Klangkünstler*innen: Für experimentelle Besetzungen gehe ich gern zu offenen Bühnen, Atelierkonzerten oder Vernissagen. Dort entstehen häufig interessante, unverhoffte Begegnungen.

Ort, Zeit & Rahmen

Der Raum prägt die Arbeit. Ich bevorzuge Orte, die Nähe ermöglichen: Gemeinschaftsräume, Café-Ecken, Hinterhöfe, kleine Kirchenräume oder leerstehende Schaufenster. Wichtiger als Perfektion ist die Atmosphäre — Draußen kann Wind als „Instrument“ fungieren, drinnen trägt der Raum Nachhall zu meiner Bildsprache bei.

Termine plane ich flexibel: ein erstes, lockeres Kennenlernen (1–2 Stunden), gefolgt von 2–3 Werkstatt-Terminen und einer abschließenden Präsentation. Das reduziert Druck und schafft Raum für Experimente.

Struktur eines Workshops / einer Werkstatt

  • Einführung (15–20 Minuten): Klangprobe, Kennenlernen, kurze Klang- und Lese-Impulse. Ich spiele Beispiele, häufig eigene Feldaufnahmen oder kurze Soundcollagen, um eine gemeinsame Sprache zu schaffen.
  • Aufgaben/Zugänge (30–45 Minuten): Kleingruppen arbeiten an kleinen Aufgaben: Geräusche sammeln, kurze Textfragmente schreiben, improvisierte Klangflächen erzeugen.
  • Präsentation & Austausch (30 Minuten): Jede Gruppe teilt ein Fragment. Ich moderiere das Feedback — nicht wertend, sondern neugierig: Was hat überrascht? Welche Kombinationen erzeugten Stimmung?
  • Dokumentation (laufend): Ich nehme kurze Anekdoten, Geräusche und Texte auf. Das Material dient später als Rohstoff für Montage.

Technik leicht gemacht

Man muss kein Studio haben. Für Feldaufnahmen nutze ich oft den Zoom H4n (robust, handlich) oder ein Smartphone mit der App Voice Record Pro und ein Lavalier-Mikrofon für Sprachaufnahmen. Für Mehrspur-Editing verwende ich Audacity (kostenlos) oder Reaper (günstig, sehr mächtig). Für Live-Setups sind Ableton Live und ein kleiner Audio-Interface (Focusrite Scarlett) sehr praxisnah.

Wichtig ist: Technik darf nicht zum Hindernis werden. Ich erkläre einfache Aufnahmetechniken, setze klare Levels und habe immer Ersatzbatterien und Kabel dabei. Wenn möglich, biete ich ein kleines „Technik-Kit“ zum Ausleihen an.

Rollen verteilen — kreativ und praktisch

Eine kollaborative Arbeit profitiert von klaren, aber flexiblen Rollen. Beispiele, wie ich sie vergebe:

  • Sound-Sammler*innen: sammeln Alltagsgeräusche (Türknarren, Kinderlachen, Tram-Lärm).
  • Stimmliche Performer*innen: lesen Texte, sprechen improvisierte Phrasen, flüstern Feldaufnahmen zu.
  • Textschaffende: arbeiten mit Fragmenten, schreiben kurze poetische Notate.
  • Technische Begleitung: kümmert sich um Aufnahme, Schnitt und Wiedergabe.
  • Moderation/Koordination: hält Zeitfenster, organisiert Raum und Kommunikation.

Kompositionsansatz: collagehaft und spielerisch

Meine Herangehensweise ist oft collageartig: Ich sammle Material, skizziere daraus kleine Szenen und lasse diese in Proben neu zusammenfinden. Das kann so aussehen:

  • Eine Stimme liest einen kurzen Text, im Hintergrund eine loopende Aufnahme einer Straßenszene.
  • Musiker*innen reagieren live auf die Textdynamik — mit sparsamen, atmosphärischen Klangflächen (z. B. E‑Gitarre mit E‑Bow, field recordings durch ein kleines Kontakt-Kit).
  • Zwischenschnitte aus aufgezeichneten Nachbar*innen-Statements geben dem Stück lokale Identität.

Ich arbeite oft mit Regeln, die Kreativität stimulieren: z. B. „Jede Textzeile darf nur einmal wiederholt werden“ oder „Maximal drei Schichten gleichzeitig“. Solche Begrenzungen erzeugen Fokus und überraschende Gesten.

Rechte, Einverständnis und Veröffentlichungen

Frühzeitig kläre ich Einverständniserklärungen: Wer möchte namentlich genannt werden? Darf die Stimme veröffentlicht werden? Ich habe einfache Einverständnisformulare vorbereitet (Deutsch/Englisch), die Schutz bieten — und gleichzeitig Vertrauen schaffen. Bei Aufnahmen im öffentlichen Raum achte ich auf gesetzliche Rahmenbedingungen; wenn Personen erkennbar sind, hole ich ihr ausdrückliches Okay ein.

Präsentation und Aufführung

Die Präsentation kann intim bleiben: ein Abend im Gemeinschaftsraum mit max. 30 Gästen ist oft wirkungsvoller als eine große Show. Ich achte auf die dramaturgische Reihenfolge: kurze Einstiege, wechselnde Text-Klang-Konstellationen, Raum für Stille. Licht (Kerzen, gedämpfte Lampen) und Sitzordnung tragen sehr zur Atmosphäre bei.

Technisch kann die Aufführung live sein oder als multimediale Installation mit Kopfhörern laufen. Letzteres ermöglicht einen feineren Detailgenuss der Klangcollagen.

Dokumentation & Weiterverwertung

Ich dokumentiere mit Foto, Audio und kurzen Textnotizen. Aus dem Rohmaterial entsteht oft ein blogpost auf Nebl Nebl, eine Soundcloud-Playlist oder ein kleines Booklet. Für die Veröffentlichung nutze ich Bandcamp für längere Klangstücke und SoundCloud für kurze Fragmente. Wichtig ist, alle Mitwirkenden zu informieren und ihnen Zugang zu den Ergebnissen zu geben.

Praktische Tipps aus Erfahrung

  • Beginne mit kleinen, überschaubaren Formaten — das senkt die Hemmschwelle.
  • Sei transparent mit Budget und Aufwand. Auch kleine Aufwandsentschädigungen bewirken viel.
  • Setze bewusst auf Pausen und Raum für Stille — dort entstehen oft die stärksten Ideen.
  • Halte Material digital und analog fest: Notizen in einem Skizzenbuch sind so wichtig wie WAV-Dateien.
  • Erwarte Unebenheiten — sie sind Teil des Charakters eines kollaborativen Projekts.

Wenn du möchtest, kann ich dir Vorlagen für Einverständniserklärungen, eine simple Workshop-Agenda oder eine Checkliste für das Technik-Kit schicken. Solche kleinen Hilfen haben mir in vielen Projekten die Organisation erleichtert und Raum für das Schöne gelassen: das gemeinsame Entdecken von Klang und Sprache.

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