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Wie bauen sie aus verstaubten vinyls und field recordings ein zerbrechliches performatives ritual für galerieabende

Wie bauen sie aus verstaubten vinyls und field recordings ein zerbrechliches performatives ritual für galerieabende

Das Material liegt schon da: verstaubte Vinyls aus Flohmärkten, alte Mixtapes, vergessene Schallplatten, und eine Sammlung Field Recordings, die ich über Monate gesammelt habe — Regen auf Blechdächern, das Knarren einer Treppe, entfernte Stimmen in einem Bahnhof. Aus diesem Fundus baue ich ein zerbrechliches performatives Ritual für Galerieabende, eines, das eher flüstert als schreit, das eher eingeladenes Verweilen als laute Geste fordert. Im Folgenden erzähle ich, wie ich das mache, welche Fragen dabei auftauchen und welche Antworten sich in der Praxis bewährt haben.

Warum Vinyls und Field Recordings zusammenbringen?

Vinyl hat eine haptische Präsenz, die digitale Formate nicht haben: Rillen, Label, das Ritual des Auflegens. Field Recordings bringen Ort, Zeit und Atmosphäre mit. Zusammen erzeugen sie eine Spannung zwischen dem Objekt und der Erinnerung, zwischen dem Intimen und dem Gemeinsamen. Ich möchte, dass die Besucher*innen nicht nur hören, sondern etwas anfassen, bewegen und in eine fragile Situation eintreten — eine Performance, die jederzeit zerbrechen kann, die aber gerade deswegen empfindlich und aufmerksam macht.

Die Kernfragen, die ich mir stelle

  • Wie schütze ich die Objekte, ohne die Nähe zu zerstören?
  • Wie schaffe ich eine intime Hörsituation in einem oft offenen Galerieraum?
  • Welche technische Minimalität reicht, damit das Ritual nicht zur Technik-Show wird?
  • Wie viel Partizipation der Besucher*innen wünsche ich mir — und wie lenke ich sie ohne Vorschriften?

Vorbereitung: Kuratieren und Materialpräsentation

Ich beginne mit einer Auswahl, die nicht nur musikalisch, sondern auch visuell funktioniert. Einige Platten wähle ich wegen ihres Knackens, andere wegen eines bestimmten Atmosphärenstücks. Field Recordings sortiere ich nach Orten oder Klängen (Stadt, Natur, Maschinen, Stimmen). Dann komponiere ich “Paare” — eine Platte, die ein Feldaufnahme-Thema ergänzt oder kontrastiert.

Die Objekte selbst behandle ich sensibel: ich lasse die Vinyls bewusst verstaubt, aber berührbar. Eine leichte Glasplatte oder eine Papierhülle mit Handschrift schützt empfindliche Labels, ohne die Patina zu verstecken. Manchmal notiere ich mit Bleistift kurze Hinweise auf den Hüllen: ein Datum, ein Ort, ein kleiner Tipp zum Lauschen. Diese Notizen sind Teil der Ästhetik — als Einladungen, nicht als Erklärungen.

Raum und Atmosphäre gestalten

In einer Galerie ist der Raum selten intim. Ich arbeite mit einfachen Mitteln, um Nähe zu erzeugen:

  • Beleuchtung: gedimmtes, punktuelles Licht auf die Auflagefläche; der Rest des Raumes bleibt schummrig.
  • Möblierung: niedrige Sitzgelegenheiten, Decken, vielleicht ein Teppich — alles, was Menschen dazu bringt, langsamer zu werden.
  • Klang: nicht zu laut. Ziel ist eine Lautstärke, die zum Hineinlauschen zwingt.

Technik — minimal, robust, rückwärtskompatibel

Technik darf die fragile Stimmung nicht dominieren. Ich nutze oft:

Plattenspieler ein leichtes Modell mit Riemenantrieb; wichtig ist ein guter Cartridge (z. B. Ortofon OM-Serie) für detailreiche Wiedergabe
Mikrofone ein binaurales oder zwei Kondensatormikros für Field Recordings; für live leichte Kontaktmikros, wenn Vinyls direkt abgenommen werden sollen
Abspiel-Interface ein kleines Mischpult (z. B. Behringer Xenyx) oder ein einfacher DI-Box-Weg, um Plattenspieler und Aufnahmequellen zu mischen
Verstärkung zwei kleine Monitore oder ein Subtilsystem, das in den Raum gebettet wird; manchmal setze ich Kopfhörerinseln ein

Wichtig ist, dass alles leicht zu bedienen ist. Ich programmiere keine komplexen Sets; stattdessen kontrolliere ich das Spannungsfeld zwischen Vinyl-Auswahl und Live-Looping oder leichten Klangbearbeitungen (Bandgeräte, Reverb-Pedale von Strymon oder einfache Korg-Effekte). Das Ziel ist, Klangräume zu öffnen, nicht zu schließen.

Performance-Elemente: Ritual statt Konzert

Das Wort Ritual ist kein purer Begriff — für mich bedeutet es eine wiederholbare, aber stets fragile Abfolge von Handlungen, die Raum für Zufall lassen. Meine Abläufe sind oft so gestaltet:

  • Einführung durch eine kurze, leise Ansprache oder ein schriftliches Heftchen mit einem Satz, der die Intention beschreibt.
  • Langsames Auflegen einer Platte, hörbares Setzen der Nadel — das Knacken gehört dazu.
  • Zwischenspiele: Ein Field Recording wird über einen kleinen Lautsprecher in einen anderen Teil des Raumes gelegt, eine Person bläst sanft über eine Tonquelle, ein Besucher ist eingeladen, eine Schallplatte anzufassen oder zu drehen.
  • Stille als aktives Element: Phasen der Ruhe, in denen das Publikum die Nachhallräume des Klangs erforscht.

Ich ermutige zu subtiler Partizipation: eine Hand, die eine Hülle hält, ein Finger, der die Geschwindigkeit einer Platte leicht variiert, das gedämpfte Sprechen in einem entfernten Winkel. Diese Geste macht das Ritual zerbrechlich: Jeder Kontakt kann den Klang verändern — und das ist beabsichtigt.

Fragen zu Praktikabilität und Erhalt der Objekte

Fragestellungen wie “Zerstören Besucher nicht die Platten?” oder “Sind Field Recordings rechtlich unbedenklich?” begegnen mir oft. Praktisch antworte ich so:

  • Schutz: Ich markiere klare Bereiche, wo Berührung erwünscht ist, und schütze besonders fragile Stücke mit abnehmbaren Hüllen. Einfache Handschuhe aus Baumwolle stehen bereit, wenn nötig.
  • Rechtliches: Für Field Recordings prüfe ich, ob Personen identifizierbar sind und ob Aufnahmeorte Einschränkungen haben. Beim Verwenden von gefundenen Vinyls achte ich auf Urheberrechte; viele ältere Pressungen sind leichter zu nutzen, aber ich nehme lieber Kontakt zu Rechteinhaber*innen auf, wenn Songs erkennbar bleiben.

Wie das Publikum reagiert — und wie ich darauf reagiere

Die Reaktionen sind oft überraschend: Manche Besucher*innen verharren minutenlang, andere kommen, berühren kurz eine Platte und gehen. Ich beobachte und passe an. Wenn die Atmosphäre zu laut wird, dämme ich die Geräuschquelle; wenn niemand interagiert, stelle ich eine leichtere Einladung auf — ein offenes Mikrofon für kurze Aufnahmen, ein Stapel handgeschriebener Karten mit Höranweisungen.

Dokumentation und Weiterdenken

Ich dokumentiere nicht nur akustisch, sondern auch visuell: Fotografien der Hände am Vinyl, Notizen zu spontanen Interventionen, kurze Interviews mit Besucher*innen. Diese Dokumentation ist selbst wieder Material für kommende Projekte — ein fortlaufender Zyklus, bei dem Ritual und Archiv sich gegenseitig befruchten.

So entsteht aus Staub, Rillen und aufgenommenen Obertönen ein performatives Setting, das sensibel ist, verletzlich und offen. Nicht jede Aufführung funktioniert gleich; manche Abende brechen auseinander, und genau das ist Teil der Ehrlichkeit meiner Arbeit.

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