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Wie man einen gemeinschaftlichen soundwalk mit nachbar*innen plant und als kleine installation dokumentiert

Wie man einen gemeinschaftlichen soundwalk mit nachbar*innen plant und als kleine installation dokumentiert

Gemeinschaftliche Soundwalks sind für mich eine Form des Nachbarschaftsflüsterns: sie öffnen Ohren für alltägliche Klänge, schaffen Beziehungen und verwandeln vertraute Orte in neue, poetische Landschaften. In diesem Text teile ich meine Erfahrungen und praktische Schritte, wie ich mit Nachbar*innen einen Soundwalk plane und die Ergebnisse als kleine Installation dokumentiere. Dabei geht es weniger um Perfektion als um Nähe, Neugier und das gemeinsame Entdecken.

Warum ein Soundwalk mit Nachbar*innen?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ein Soundwalk nicht nur den akustischen Blick schärft, sondern auch Gespräche anstößt, die sonst vielleicht nicht stattfinden würden. Wenn Menschen gemeinsam durch ihren Kiez gehen, entstehen Erzählungen: Erinnerungen an bestimmte Geräusche, Hinweise auf verlorene Orte, aber auch neue Perspektiven auf alltägliche Routinen. Als interdisziplinäre Künstlerin reizt mich besonders, wie diese spontane Gemeinschaftsarbeit in eine kleine, greifbare Installation überführt werden kann — eine Art Nachbarschafts-Bild- und Klangcollage.

Einladen und Rahmen setzen

Ich beginne mit einer persönlichen Einladung: ein Flyer oder eine Nachricht in der Nachbarschaftsgruppe, kombiniert mit direkt angesprochenen Nachbar*innen. Wichtiger als eine große Teilnehmerzahl ist mir eine offene, neugierige Gruppe. In der Einladung nenne ich kurz Zweck (gemeinsames Hören, Aufnehmen, Teilen), Dauer (z. B. 90 Minuten), Treffpunkt und was mitgebracht werden kann (bequemes Schuhwerk, ggf. Regenjacke, eigenes Aufnahmegerät optional).

Praktische Hinweise, die ich immer gebe:

  • Barrierefreiheit: Bitte informiert, wenn Hilfe beim Gehen oder beim Umgang mit Geräten benötigt wird.
  • Datenschutz: Wir klären, ob Aufnahmen öffentlich geteilt werden dürfen.
  • Offenheit: Keine Erwartungen an „korrekte“ Teilnahme — Zuhören und Teilen reichen.
  • Route wählen und Atmosphäre planen

    Die Route gestalte ich bewusst kurz und drittelte sie oft in drei akustische Kapitel: urbane Geräusche, grüne Rückzugsorte, private Schwellen (Hofeinfahrten, Treppenhaus). Ich laufe die Strecke vorher ab, notiere markante Klangpunkte und mögliche Pausenplätze. Für einen gemeinsamen Soundwalk mit Nachbar*innen empfehle ich eine Strecke von 1–3 km mit mehreren Haltepunkten, damit genügend Raum zum Hören und Austauschen bleibt.

    Tipps zur Routenwahl:

  • Schatten oder Sitzmöglichkeiten für Gesprächspausen einplanen.
  • Orte mit unterschiedlicher Klangcharakteristik wählen (Wasser, Verkehr, Stimmen, natürliche Geräusche).
  • Grenzen respektieren: Privateingänge nur von außen wahrnehmen, lautstarke Aktivitäten vermeiden.
  • Materialien und Technik — einfach bleiben

    Ich bevorzuge eine minimale Technik, damit die Teilnehmer*innen nicht von Geräten überfordert werden. Häufig nutze ich:

  • Ein mobiles Aufnahmegerät wie Zoom H1n oder ein gutes Smartphone (z. B. mit der App Voice Memos oder der freien App RecForge).
  • Kopfhörer für Live-Monitoring: einfache On-Ear-Kopfhörer reichen.
  • Kleine Notizkarten und Stifte, damit Menschen Eindrücke kurz festhalten können.
  • Optional: ein tragbarer Lautsprecher (z. B. JBL Flip), um am Ende Ausschnitte gemeinsam zu hören.
  • Ich erkläre zu Beginn kurz den Umgang mit den Geräten und biete Hilfe beim Starten der Aufnahmen an. Wichtig ist, klar zu kommunizieren: Wir nehmen die Umgebung auf, nicht Personen gegen ihren Willen. Informiert euch vorher über rechtliche Aspekte, besonders wenn private Gespräche aufgenommen werden könnten.

    Methoden während des Walks

    Ich arbeite mit kleinen Ritualen, die den Fokus schärfen und die Gruppe verbinden:

  • Ankommen: Zwei Minuten Stille am Treffpunkt, Augen schließen oder Blick fixieren.
  • Solo-Hören: Jeder läuft 5–10 Minuten allein, um ohne Gespräch die Umgebung aufzunehmen.
  • Paarsitzungen: Zwei Personen tauschen für 7 Minuten ihre Aufnahmen und sprechen kurz darüber.
  • Collective Listening: Ein Halt, an dem wir Ausschnitte abspielen und gemeinsam reflektieren.
  • Diese Mischung aus Allein- und Gemeinschaftsphasen ermöglicht individuelle Wahrnehmung und soziales Teilen. Ich ermuntere bewusst zu assoziativen Beschreibungen: Welche Erinnerungen weckt dieses Geräusch? Welche Stimmung entsteht?

    Aufnahmen strukturieren und etikettieren

    Nach dem Walk bitte ich alle, ihre Dateien kurz zu benennen und mit Informationen zu versehen: Ort, Zeit, kurze Beschreibung und ob Veröffentlichung in der Installation erlaubt ist. Das spart später viel Zeit.

    Empfohlenes DateinamingBeispiel
    Datum_Standort_Kürzel2026-01-01_Hofstrasse_AK.wav
    Beschreibung (Meta)Wasserklang, 9:12, Aufgenommen vor altem Brunnen

    Die kleine Installation — Raum für Begegnung schaffen

    Zurück im Gemeinschaftsraum (Vereinsheim, Café oder ein großer Flur im Haus) richte ich eine einfache Installation ein, die Klang- und Bildfragmente verbindet. Ideen, die sich bewährt haben:

  • Eine Hörstation mit Kopfhörern: mehrere kurze Soundclips (30–90 Sekunden) auf einem Laptop oder einem MP3-Player, beschriftet mit Standort und kurzem Text.
  • Eine Wand mit Fotodrucken oder Polaroids, die Orte des Walks zeigen — gern experimentell belichtet oder mit Overlays aus Notizen.
  • Notizzettelwand: Teilnehmende können Eindrücke, Fragen oder kleine Zeichnungen anpinnen.
  • Ein analoger Player (z. B. Kassettenrekorder oder ein alter Plattenspieler) kann zusätzliche Sinnlichkeit erzeugen, wenn Tonspuren auf Kassette übertragen werden.
  • Bei einer meiner Installationen habe ich die Klangclips räumlich verteilt: kurze Loops an verschiedenen Orten im Raum, sodass Besucher*innen beim Umhergehen unterschiedliche Klanglandschaften erleben. Das vermittelt den Eindruck einer miniaturisierten Soundscape des Walks.

    Dokumentation und Teilen

    Die Dokumentation kann vielfältig sein: Ein kurzes Audio-Mix, eine Foto-Text-Collage, ein Blogbeitrag auf Nebl Nebl oder ein kleines Heft. Ich empfehle, mehrere Formate zu kombinieren, damit verschiedene Sinnespräferenzen angesprochen werden.

  • Audio-Mix: 5–10 Minuten, mit ruhigen Übergängen. Ich nutze Ableton Live oder die freie Software Audacity.
  • Foto-Texte: Eine Serie aus 6–12 Bildern mit kurzen, assoziativen Texten der Teilnehmer*innen.
  • Physische Publikation: Ein kleines Risograph- oder Fanzine mit Bild- und Klangtranskriptionen.
  • Wichtig ist die Zustimmung aller Beteiligten zur Veröffentlichung. Ich lege einfache Einverständniserklärungen bei, die kurz und verständlich sind: Name, verwendetes Material und gewünschte Rechte (z. B. nur interne Nutzung, Online-Freigabe mit Namen oder anonym).

    Tipps für nachhaltige Nachbarschaftsbindung

    Ein Soundwalk kann ein Startpunkt für weitere gemeinschaftliche Aktionen sein. Bei mir hat sich bewährt:

  • Folgetreffen anbieten, um Materialien gemeinsam zu schneiden oder eine Ausstellung vorzubereiten.
  • Workshops anbieten (z. B. einfache Field-Recording-Techniken oder Tonbearbeitung).
  • Die lokale Kulturförderung ansprechen, um Raum oder Finanzierung für kleine Publikationen zu bekommen.
  • Oft sind es die kleinen Dinge — ein gemeinsames Hören, ein ausgetauschtes Geräusch, ein Foto an der Wand — die die Nachbarschaft aufmerksamer und offener machen. Mein Anliegen ist, Räume zu schaffen, in denen Klang, Bild und Gefühl sich verweben können. Wenn du Lust hast, einen Soundwalk zu organisieren, nimm die Nachbar*innen mit einem offenen Ohr mit — die Stadt hat viele Geschichten zu erzählen.

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