Ich habe gelernt, dass die intimsten Klanglandschaften oft direkt vor unseren Füßen liegen: das Quietschen einer Tür, das Trommeln von Regentropfen auf einem Blechdach, das ferne Rattern einer Straßenbahn. Mit einem einfachen Field-Recorder wie dem Tascam DR-05 lassen sich diese vergessenen Alltagsklänge einfangen und zu kleinen audiovisuellen Miniaturen formen, die sowohl visuell als auch akustisch erzählen. In diesem Text nehme ich dich mit in meinen Prozess — von der Aufnahme bis zur Montage — und teile praktische Tipps, kleine ästhetische Überlegungen und ein paar technische Details, die mir geholfen haben, Routine in sinnvolle Klangbilder zu verwandeln.
Warum ein einfacher Recorder?
Der Tascam DR-05 ist kein High-End-Gerät, und gerade das macht ihn so reizvoll: Er ist leicht, zuverlässig, erschwinglich und klingt überraschend gut für das, was ich vorhabe. Ich mag die Begrenzung — sie zwingt mich, näher zu hören, öfter umzudenken und mich auf die Essenz eines Klangs zu konzentrieren, statt mich in Möglichkeiten zu verlieren. Für field-recording-Projekte, die eine intime, unmittelbare Ästhetik suchen, ist das oft genau das Richtige.
Vorbereitung: Augen und Ohren öffnen
Bevor ich überhaupt den Recorder einschalte, beginne ich mit einer Beobachtungsphase. Ich gehe langsam durch einen Raum, einen Platz oder eine Straße und notiere mir, welche Details auffallen: rhythmische Wiederholungen, überraschende Pausen, Orte mit natürlicher Hallwirkung, Materialien, die metallisch oder weich klingen. Oft markiere ich diese Stellen mit meinem Smartphone, mache ein Foto oder schreibe ein Wort auf. So entsteht eine visuelle Karte, die mir später beim Zusammenspiel von Bild und Ton hilft.
Technik & Einstellungen am Tascam DR-05
Ein paar Grundeinstellungen haben sich für meine Arbeit bewährt:
- Aufnahmeformat: WAV (44.1 kHz / 24 Bit) — gute Balance zwischen Qualität und Dateigröße.
- Limiter: An, wenn laute, unvorhersehbare Sounds möglich sind (Türschlagen, Motorenstart).
- Mic-Pattern: Die eingebauten Kondensatormikrofone sind meist omnidirektional; ich achte auf Richtungswahl durch Positionierung.
- Gain: So einstellen, dass Spitzen selten clippen; lieber später etwas lauter machen als verzerrt aufnehmen.
| Situation | Gain (empf.) | Hinweis |
|---|---|---|
| Leises Innenrauschen | Niedrig (20–30%) | Lange Atmungen und Flüstern werden hörbar |
| Dynamische Außenaufnahmen | Mittelhoch (40–60%) | Limiter aktivieren |
| Laute Maschinen | Niedrig (10–25%) | Externe Mic-Position oder Abschirmung nutzen |
Praktische Aufnahme-Techniken
Die Art, wie ich das Mikrofon positioniere, verändert die Wahrnehmung eines Sounds radikal. Ein paar Methoden, die ich oft benutze:
- Close-Miking: Mikro direkt an eine Quelle halten — ideal für Texturen (Papierrascheln, Wassertröpfchen).
- Distance-Miking: Mikro ein paar Meter weg platzieren, um Raum und Kontext einzufangen — gut für Plätze, Straßen, Plätze.
- Contact Recording (mit Kontaktmikrofon): Nicht mit dem DR-05 direkt möglich, aber ich kombiniere oft separate Kontaktmikrofone und synchronisiere später; diese geben detaillierte Oberflächentexturen.
- Bewegte Aufnahmen: Ich bewege den Recorder langsam durch den Raum, um Doppler-artige Effekte und räumliche Bewegung zu erstellen.
Aufnahme-Notizen & Dateimanagement
Ich benenne Dateien sofort nach Ort, Datum und einer kurzen Beschreibung (z. B. "Küche_2025-04-03_Tropfen1.wav"). Kurze Textnotizen zur Stimmung oder zum angedachten visuellen Gegenstück helfen später beim Editieren. Der DR-05 speichert zuverlässig, aber ich importiere die Dateien nach jeder Session auf meinen Laptop und sichere auf einer externen Festplatte. Ordnung spart Zeit und auch Ideen.
Sounddesign: Von der Rohaufnahme zur Miniatur
Bei der Nachbearbeitung geht es mir selten um Perfektion — vielmehr suche ich nach kleinen Gesten, die beim Zuhören eine Geschichte entfalten. Meine Schritte:
- Selektieren: Ich höre alle Takes durch und markiere Passagen mit Potenzial: interessante Transienten, unerwartete Hüllkurven, „unreine“ Geräusche.
- Schneiden & Schichten: Oft erstelle ich kleine Loops aus Tropfen oder Knacken und lege darüber eine entfernte Straßenspur als Textur.
- EQ & Raum: Leichtes Highpass, um Tieffrequenz-Dröhnen zu entfernen, und subtile Reverb-Einsätze, die nicht verfälschen, sondern eine räumliche Tiefe ergänzen.
- Time-Stretch & Pitch: Kleine Dehnungen können das Tempo eines Alltagsgeräusches verändern und ihm eine traumhafte Qualität geben.
Visuelle Verknüpfung
Meine audiovisuelle Miniatur beginnt oft als Klangidee, die eine passende visuelle Stimmung braucht. Ich arbeite entweder mit einer Serie von Standbildern, kurzen Video-Loops oder einfachen Filmaufnahmen, die ich synchron zur Klangstruktur rhythmisiere. Wichtig ist: Bild und Ton müssen nicht alles erklären; sie sollen Resonanzräume schaffen.
Ein Beispiel: Eine Aufnahme von klappernden Tassen wird bei mir oft mit Nahaufnahmen poröser, matter Oberflächen kombiniert. Die rhythmische Wiederholung der Tassen kann in der Montage mit einem langsamen Kameraschwenk korrespondieren — kleine Atempausen im Schnitt lassen Raum zum Hören.
Rechtliches & Ethik
Beim Recorden in urbanen Räumen achte ich auf Privatsphäre. Stimmen in einem Café nehme ich nur mit Einverständnis auf; ungekennzeichnete Gespräche werden vermieden oder anonymisiert. Klangdokumente können sehr intim sein — Respekt vor Aufnahmeorten und Personen gehört für mich genauso zur Praxis wie Technik.
Ein paar Beispiele aus meinen Projekten
In einem meiner jüngeren Miniaturen kombinierte ich Feldaufnahmen von einem verwaisten Schwimmbad (Wassergeriesel, Hall an den Fliesen) mit dem entfernten Rattern eines Busmotors. Ich dehnte das Wassergeräusch minimal und legte ein zartes, rhythmisches Klackern darüber — visuell arbeitete ich mit stark entsättigten Fotos der schwach beleuchteten Beckenränder. Das Ergebnis war weniger Dokumentation als Stimmung: ein kurzer, fragiler Raum zwischen Erinnerung und Gegenwart.
Tipps für den Einstieg
- Beginne mit kurzen Sessions von 10–20 Minuten, um dein Ohr zu schulen.
- Höre deine Aufnahmen später mit Kopfhörern in einem stillen Raum — oft entdecke ich dort Details, die live überhört wurden.
- Probiere ungewöhnliche Kombis: Küchenklänge + entfernte Baustelle, Regen + Smartphone-Vibrationen.
- Sei großzügig mit Stille: Pausen sind genauso wichtig wie Geräusche.
Wenn du magst, kannst du mir eine Aufnahme schicken oder einen Ort beschreiben — ich antworte gern mit Ideen, wie man daraus eine audiovisuelle Miniatur formen könnte. Auf nebl-nebl.de sammle ich Projekte und kleine Essays, die solche Experimente weitertragen.