Wenn ich an performative Rituale für Galerieabende denke, dann beginnt das immer mit einem Fund: einer alten Schallplatte, einer verstaubten Kassette, einer Feldaufnahme, die ich vor Jahren gemacht habe. Diese Objekte tragen eine Geschichte, eine Patina — und genau diese Materialität möchte ich in ein Ritual transformieren. In diesem Text beschreibe ich, wie ich aus alten Schallplatten und Found Sound ein performatives Ritual kreiere: von der Auswahl des Materials über die technische Umsetzung bis zu dramaturgischen und räumlichen Entscheidungen, die den Abend zu einer atmosphärischen Erfahrung machen.
Warum Schallplatten und Found Sound?
Schallplatten sind für mich materielle Erinnerungsräume: Rillen, Knackser, Labels mit handschriftlichen Markierungen. Found Sound — Geräusche aus Alltagsmilieus, Feldaufnahmen, Taschenspieler-Mikroskopie — bringt den realen Kosmos in die Galerie. Zusammen erzeugen sie eine Spannung zwischen Nostalgie und Präsenz. Ich nutze diese Spannung bewusst: Das Rauschen und Knacken wird zum liturgischen Atem, das Feldmaterial zum Puls des Raumes.
Materialien und Equipment
Ich nenne hier das Equipment, das sich in meinen Projekten bewährt hat. Man braucht nicht alles, aber es hilft, eine Vorstellung zu haben:
- Plattenspieler: ein robuster Direktantrieb wie ein Technics SL-1200 oder ein günstigerer USB-Plattenspieler, wenn man Aufnahmen direkt ins Laptop will.
- Tonmischer: klein (2–4 Kanäle) reicht oft; ich arbeite gern mit einem analogen Kleinmixer für Direktmanipulationen.
- Kontaktmikrofone: für das Abnehmen von Oberflächenklängen, Rillenkratzen, Schieferplatten — z.B. Modelle von K&K oder Schertler.
- Field-Recorder: Zoom H4n / H6 oder ein Tascam für hochwertige Found-Sound-Aufnahmen.
- Effekte: Reverb-Pedal, Delay, Looper oder einfache Software-Effekte (Ableton Live, Reaper) für Live-Manipulation.
- Verstärkung: kleine PA oder aktive Monitore, verteilt im Raum, um räumliche Bewegung zu erlauben.
- Zubehöre: Nadeln (verschiedene Nadeltypen), Alltagsgegenstände (Löffel, Stoff, Papier), Glasflaschen, Reso-Platten.
Vorbereitung: Materialauswahl und kleine Experimente
Bevor ich ein Ritual entwerfe, durchsuche ich meine Sammlung und mache Mini-Tests. Manchmal sind es abgenutzte Jazz-LPs, manchmal Werbeplatten aus den 70ern — wichtig ist, dass sie eine taktile Präsenz haben. Zu jedem Stück mache ich kurze Notizen:
- Wie klingt die Oberfläche? (starkes Knacken, gleichmäßiges Rauschen)
- Gibt es akustische Besonderheiten beim Auflegen? (Sprünge, endlose Loops durch Kratzer)
- Welche Gefühlsräume ruft die Musik oder der Klang hervor?
Parallel dazu suche ich passende Found Sounds: Verkehrsgeräusche bei Dämmerung, das Klappern einer Rolltreppe, Stimmen, Wasser tropfend. Ich speichere alles mit Metadaten (Ort, Zeit, Stimmung), denn beim Komponieren des Rituals ist Kontext wichtig.
Komposition als Choreographie
Ich betrachte das Ritual als eine Choreographie von Klang, Raum und Körper. Drei Ebenen sind für mich zentral:
- Sequenz: Eine Abfolge von Klangereignissen — ein Intro aus Knacken, eine steigende Dichte aus Field-Recordings, eine klimaktische Loop-Schicht aus einer Platte.
- Textur: Schichten von analogem Rillenknacken, granularen Feldaufnahmen und elektronischen Effekten.
- Interaktion: Wie reagieren Performer*innen und Publikum aufeinander? Gibt es wiederkehrende Gesten (z. B. das Abdecken des Plattentellers mit Stoff als Ritualhandlung)?
Ich skizziere Diagramme (zeitliche Achsen) und gehe dann live in den Raum, um Varianten auszuprobieren. Oft entstehen dadurch überraschende Übergänge: ein plötzliches Geräusch in der Stille kann stärker wirken als ein volles Klangbett.
Räumliche Inszenierung
Die Galeriearchitektur bestimmt das Ritual mit. Ich nutze Lautsprecher nicht nur frontal, sondern räume sie um den Raum: Vordergründe, Ecken, Deckenmontage, kleine Transducer an Skulpturen. Dadurch wird der Klang „greifbar“ und die Besucher*innen wandern durch Klangzonen.
Beleuchtung ist ebenfalls ein Werkzeug — gedämpftes Licht, punktuelle Spots auf die Platten, eine Kerze (mit Sicherheitsvorkehrungen) für intime Momente. Ich arbeite gern mit einer subtilen Lichtsteuerung, die mit dem Klang atmet.
Performative Techniken
Hier einige konkrete Handgriffe, die ich einsetze:
- Auflegen und »falsches« Stoppen: das manuelle Bremsen des Plattentellers erzeugt eine fragile Zeitdehnung.
- Kontaktmikro an die Platte kleben: dadurch höre ich Resonanzen, die sonst verborgen bleiben.
- Found Sound triggern per Looper: kurze Feldfragmente werden zu wiederkehrenden Motiven.
- Objektspiel: mit Fingern, Stoff oder Metall über die Rillen fahren, um reibende Klangtexteuren zu erzeugen.
- Publikum einbeziehen: auf Augenhöhe Fragen stellen, kleine Aufgaben geben (z. B. eine Karte mit einem Geräusch ziehen), ohne dass die Kontrolle verloren geht.
Gestaltung des Ablaufs
Ich baue das Ritual in Akten auf — nicht im klassischen Sinn, sondern als fluiden Strom mit klaren Übergängen:
- Intro: Stille, punktuelle Rillen-Knackser, ein einzelnes Feldaufnahme-Motiv.
- Entwicklung: Layering, mehr Interaktion, Ausdehnung der Raumwahrnehmung.
- Klimax: Dichte, starke Texturen, Chor aus Platten- und Field-Sounds.
- Nachklang: Allmähliches Auflösen, nur noch ein Kontaktmikro, flüsternde Geräusche.
Die Dauer kann variieren; ich plane jedoch immer Puffer für Improvisation ein. Rituale leben von kleinen Unvorhergesehenheiten.
Notizen zu Technik und Workflow
Live setze ich oft auf eine Hybrid-Anordnung: analoges Set (Plattenspieler, Mixer, Kontaktmikros) und ein Laptop mit Ableton Live für Loops und Effekte. Ich sichere alle Quellen multitrack, damit ich später aus dem Abend Material für Installationen oder Releases ziehen kann.
Wichtig ist Monitoring — ich platziere stille Monitore, um Rückkopplungen zu vermeiden, und arbeite mit einem EQ, um tiefe Resonanzen zu dämpfen, die den Raum überfluten könnten. Kabelmanagement ist praktisch und ästhetisch wichtig: sichtbare Kabel können Teil der Inszenierung sein, aber sie dürfen nicht gefährden.
Ethik, Rechte und Nachhaltigkeit
Wenn ich Platten verwende, prüfe ich die Rechte — besonders bei kommerziellen Aufnahmen. Bei Found Sound respektiere ich Privatsphäre: Stimmen werden anonymisiert oder mit Einverständnis genutzt. Nachhaltigkeit bedeutet für mich auch, Gebrauchsgegenstände wiederzuverwenden und Materialien nicht unnötig zu konsumieren.
Beispiele für kleine Rituale
| Ritual »Dämmerung« | Langsamer Aufbau aus Straßen-Field-Recordings, Aufnahme einer Single-Vinyl mit Spoken-Word-Fragmenten, sanfte Reverbs, Publikum mit Augenbinden (optional) für fokussierte Hörerfahrung. |
| Ritual »Nadelkreis« | Mehrere Plattenspieler in Kreisform, Kontaktmikros an verschiedenen Platten, performative Gesten (Wechsel der Nadel), Klangschleifen über Looper. |
Ich lade dich ein, mit kleinen Experimenten zu beginnen: nimm eine Platte, klebe ein Kontaktmikro an, spiele das Ergebnis leise im Raum und beobachte, wie Menschen reagieren. Aus diesen Beobachtungen wachsen die eigentlichen Rituale — und jedes Mal ist es ein bisschen anders.