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Wie erstelle ich eine begleitende bildserie zu einer sonorausstellung: sechs verbindende motive

Wie erstelle ich eine begleitende bildserie zu einer sonorausstellung: sechs verbindende motive

Wenn ich eine Bildserie als Begleitung zu einer Sonorausstellung entwickle, beginne ich nicht mit der Kamera, sondern mit dem Hören. Der Klangraum legt oft die erste Gestalt vor: seine Textur, seine Wiederholungen, seine Pausen. Aus diesen Qualitäten lassen sich visuelle Motive ableiten, die als verbindendes Gerüst durch eine Serie tragen. Im Folgenden teile ich sechs Motive, die sich bei meinen Projekten immer wieder bewährt haben — mit praktischen Hinweisen, visuellen Ideen und kleinen Übungen, die du sofort ausprobieren kannst.

Resonanzflächen

Resonanzflächen sind für mich jene Bildmotive, die Schall aufnehmen oder sichtbar machen könnten: Wasserflächen, Metallplatten, Fenster, alte Lautsprecher, Holzstrukturen. Visuell steht hier die Idee im Zentrum, dass der Klang irgendwo ankommt und sich verändert.

Wie ich das umsetze:

  • Suche Oberflächen mit feinen Texturen oder Mustern — z. B. eine verkratzte Blechplatte oder eine ruhige Wasseroberfläche bei Dämmerlicht.
  • Arbeite mit Nahaufnahmen und geringer Tiefenschärfe, um die Oberfläche sinnlich zu machen. Ein Makroobjektiv oder ein 50-mm mit offener Blende hilft.
  • Experimentiere mit Bewegung: leichte Unschärfe durch lange Belichtung oder verwackelte Kamera, um Vibration zu suggerieren.
  • Praktische Übung: Nimm dieselbe Oberfläche bei drei verschiedenen Lichtverhältnissen auf (morgens, mittags, abends) und höre dabei eine Loop deiner Ausstellung — vergleiche, welche Lichtstimmung am besten mit dem Klang harmoniert.

    Schichten und Transparenzen

    Klang entsteht oft aus Lagen: mehrere Spuren, Fieldrecordings, elektronische Texturen. Dieses Schichtprinzip übersetze ich gern in Bilder durch Transparenzen und Überlagerungen.

    Techniken:

  • Doppelbelichtungen (kamera-intern oder in der Nachbearbeitung via Photoshop/Lightroom) für physische Überlagerung.
  • Fotografiere durch Stoffe, Folien oder Milchglas, um eine gedämpfte, beinahe neblige Atmosphäre zu schaffen.
  • Verwende Spiegel oder Glasflächen, um Reflexionen als zusätzliche Bildebene einzufügen.
  • Ich nutze manchmal auch analoge Methoden: eine Polaroid-Überblendung oder das Auflegen feiner Gewebe auf den Filmscanner geben eine sinnliche Dichte, die perfekt zu mehrlagigen Klangstücken passt.

    Rhythmische Wiederholungen

    Rhythmus im Bild kann ein visueller Pulsschlag sein — wiederkehrende Formen, Muster oder Serien von Objekten, die das Hören in eine Sehtradition übersetzen.

  • Suche nach Mustern in Architektur, Natur (z. B. Baumrinde, Wellen, Fensterreihen) oder Alltagsgegenständen.
  • Kadre sequenziell: mehrere Aufnahmen desselben Motivs mit kleinen Variationen (Licht, Ausschnitt, Abstand) können in einer Serie rhythmisch wirken.
  • Gestalte Bildfolgen in gleichmäßigen Abständen auf der Ausstellungswand oder im Online-Portfolio, damit der Rhythmus physisch erfahrbar wird.
  • Ein Trick: Drucke kleine Serien als Kontaktbögen und ordne sie wie musikalische Noten — das hilft bei der Auswahl und der späteren Hängung.

    Leerstellen und Stille

    Stille ist Bestandteil von Klangkunst. Visuell übersetze ich Stille in Einfachheit, Negative Space und reduziertes Bildmaterial. Diese Leerstellen geben dem Betrachter Pausen und lassen Raum für die eigene Imagination.

  • Setze gezielt auf minimalistische Kompositionen: viel leere Fläche, ein kleines Objekt, dezente Farben.
  • Nutze matte Fotopapiere oder FineArt-Papiere mit geringer Reflexion, damit Stille sich physisch anfühlt.
  • Arbeite mit großen Formaten, in denen kaum etwas passiert — das erzeugt Spannung und fordert die Aufmerksamkeit ähnlich wie Ruhe in einem Klangstück.
  • Bei Ausstellungen platziere ich diese Bilder oft am Anfang oder zwischen intensiven Klanginstallationen, damit die betörende Wirkung der Stille spürbar wird.

    Materialität und Found Sound

    Wenn ich mit Found Sound arbeite, ergeben sich oft Motivideen direkt aus dem Objekt, das den Klang liefert: rostige Schlüssel, zerfetzte Papierstücke, alte Kassetten. Die Materialität wird zum visuellen Echo des hörbaren Fundstücks.

  • Dokumentiere Fundobjekte in situ und als Stillleben — beides liefert unterschiedliche Konnotationen.
  • Integriere Collagen: Fotografiere Materialfragmente, scanne Texturen und kombiniere alles digital zu neuen Bildobjekten.
  • Beschrifte oder nummeriere Objekte, um ihre Herkunft oder Klangaufnahmen im Ausstellungskatalog zu referenzieren.
  • Bei einem Projekt mit Fieldrecordings aus einer verlassenen Fabrik hatte ich z. B. Ölspuren, Bolzen und abgeplatzte Farbe als wiederkehrende visuelle Elemente verwendet — das machte die Verbindung zwischen Tonquelle und Bild unmittelbar.

    Bewegung und Zeit

    Klang entfaltet sich über Zeit — dieses Moment-arbeit-Element versuche ich durch Bewegungsunschärfe, Sequenzen und „zerlegte“ Zeit darzustellen.

  • Langzeitbelichtungen für Lichtspuren oder gehende Figuren, um Dauer sichtbar zu machen.
  • Stroboskopische Serien: viele Bilder einer kurzen Bewegung als ein Raster aufgehängt erzeugen eine zeitliche Abfolge.
  • GIFs oder kurze Video-Loops auf Bildschirmen in der Ausstellung können die Brücke zwischen statischem Foto und fließendem Klang schlagen.
  • Technisch: Nutze eine Kamera mit Bulb-Modus oder Serienbildfunktion; für Loops sind kleine Displays wie Raspberry Pi mit TFT-Displays oder ein iPad praktisch und zugänglich.

    Ein paar generelle Hinweise aus meiner Praxis:

  • Arbeite frühzeitig mit der Klangkuratorin oder dem Kurator zusammen — Timing, Lautsprecherpositionen und Dunkelheit beeinflussen die Bildpräsenz.
  • Teste Druckmaterialien: seidenmattes Papier vermeidet lästige Reflexionen vor Lautsprechern, während Leinenstrukturen Wärme vermitteln.
  • Berücksichtige Haptik: Ein gerahmtes Bild, eine ungerahmte Druckkante oder ein hinter Glas montiertes Foto erzeugen unterschiedliche atmosphärische Effekte.
  • Beschrifte deine Serie mit kurzen, assoziativen Texten oder Tonnotizen. Manchmal reicht ein Hinweis wie „aufgenommen neben Hydraulikpumpe“ — das erlaubt Hörverbindungen.
  • Kollaborationen: Arbeite mit Musiker*innen, Soundtechs und Grafikdesigner*innen — oft entstehen so unerwartete Motive.
  • Zum Schluss eine kleine Übung, die ich oft benutze, wenn ich eine Serie konzipiere: Ich setze mir eine Zehn-Minuten-Session mit einem fixen Song oder einer Fieldaufnahme und mache während des Hörens 20 schnelle Polaroids oder digitale Schnappschüsse. Danach sortiere ich ohne große Bearbeitung drei Favoriten aus — diese Rohaufnahmen bilden dann die Keimzelle für die Serie.

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